Tschernobyl
von Anna Christ, Dagmar Freitag, Christian Sagert, Hanan Said und Jana Siemer (Klasse 10a)
Die Vorgeschichte
Die Sowjetunion war das erste Land, das für die Stromerzeugung Atomreaktoren
einsetzte. So wurde am 27. Juni 1954 in Obninsk das erste sowjetische Atomkraftwerk eingeweiht.
Allerdings kamen zehn Jahre lang keine weiteren sowjetischen Kraftwerke mehr dazu. Erst nachdem
sich der führende russische Kernphysiker Igor Kurtschatow für den schnellen Ausbau von
Kernkraftwerken aussprach, leitete ein Atomenergieprogramm den Bau weiterer Atomreaktoren ein.
Bevorzugt gebaut wurden Reaktoren des Typs RBMK. Das steht für Reaktor
Bolschoj Moschnostij Kanalnij, was auf Deutsch in etwa mit "Reaktor großer Leistung mit
Kanälen" übersetzt werden kann. Die korrekte deutsche Bezeichnung für diesen Reaktortyp ist
Druckröhren-Siedewasser-Reaktor. Wahrscheinlich ist die Bevorzugung der RBMK-Reaktoren
(zur Zeit des Unglücks 1986 standen 14 Reaktoren dieses Typs maximal sieben des
"Konkurrenz-Typs" WWER gegenüber) auf die Möglichkeit zurückzuführen, dass von RBMK-Reaktoren
in großen Mengen produzierte Plutonium für militärische Zwecke zu verwenden.
Dabei wurde die Tatsache ignoriert, dass der RBMK-Reaktor zwar das
damals technisch am wenigsten komplizierte Modell war, trotzdem jedoch viele erhebliche
Sicherheistrisiken besaß. Selbst durch Nachrüsten können Reaktoren dieses Typs das westliche
Sicherheitsniveau nicht annähernd erreichen:
- Ihnen fehlt die Schutzhülle ("Containment"), die im Fall eines Lecks die Freisetzung von
Radioaktivität verhindern soll.
- Der Graphitblock im Kernbereich kann leicht zu brennen beginnen, wenn er mit Luft in
Kontakt gerät.
- Die Geschwindigkeit, mit der die Regelstäbe im Notfall in den Kern einfahren können, ist
viel zu langsam (20 Sekunden im Vergleich zu einer Sekunde bei den meisten westlichen
Reaktoren)
So kam es allein bis 1985 in der Sowjetunion zu mindestens acht Unfällen mit
Reaktoren des Typs RBMK. Allerdings wurden, von zwei Vorfällen abgesehen, alle Unfälle vor der
Öffentlichkeit geheimgehalten. Auch wurde das Personal anderer Reaktoren zu keiner Zeit auf die
beobachteten Probleme und Konstrukionsfehler hingewiesen.
Die wichtigesten Gründe für den Bau eines großen Kernkraftwerks von
Tschernobyl waren wahrscheinlich die realiv dünne Besiedlung und die Nähe zur ukrainischen
Hauptstadt Kiew. Dazu kamen noch die riesigen Wassermengen des Flusses Pripjat und des Kiewer
Stausees, die zur notwendigen Kühlung und zur starken Verdünnung anfallender Abwässer dienen
konnten.
Also wurde 1971, gut 10 km entfernt von der 12500-Einwohner-Stadt Tschernobyl, mit dem Bau des
Kernkraftwerks begonnen.
In den folgenden 15 Jahren entstand nur 3 km vom Kraftwerk entfernt eine weitere Stadt, die
nach dem nahen Fluss Pripjat benannt wurde. Bis zum Zeitpunkt des Unglücks entstanden hier
Wohnungen für fast 50000 Menschen.
Die beiden ersten Reaktorblöcke Tschernobyl, die zusammen den Teil 1 des
Kernkraftwerks bilden, wurden dann im September 1977 bzw. im Dezember 1978 in Betrieb genommen.
Sie galten damals als ein Paradestück sowjetischer Technologie. Reaktor 3 wurde Ende des Jahres
1981 fertig gestellt, der vierte und letzte Reaktorblock folgte ihm im Dezember 1983. Man
vermutet, dass der Reaktor 4 für betriebsbereit erklärt wurde, obwohl nötige
Sicherheistexperimente am dazugehörigen Turbogenerator fehlgeschlagen waren. So konnte der
Block 4 zwei Monate früher als geplant seinen kommerziellen Betrieb aufnehmen, was Prämien und
Erhöhungen der niedriegen Löhne der dortigen Arbeiter zur Folge hatte.
Der Unfall
Am 25. April 1986 sollte im Kernkraftwerk Tschernobyl ein Experiment
durchgeführt werden, mit dem getestet werden sollte, ob die Notstromversorgung des vierten
Blocks nach einer Schnellabschaltung bzw. einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch
genügend Strom liefern kann, um die Notkühlung des Reaktors gewährleisten zu können.
Fatalerweise wurden alle wichtigen Sicherheistseinrichtungen wie die Notkühlung und das
Einfahren der Bremsstäbe abgeschaltet, um das Experiment unter realistischen Bedingungen
stattfinden zu lassen. Außerdem wurde der Versuch auf Anordnung der Stromlastverteiler-Zentrale
in Kiew verschoben, sodass die unvorbereitete Nachtschicht des 26. April mit der Durchführung
des Experiments konfrontiert wurde.
Von Beginn des Eperiments bis zu seinem tragischen Ende traten
zahlreiche Bedienungsfehler auf, die, in Addition mit den ohnehin schon fatalen
Konstruktionsfehlern der RBMK-Reaktoren, zu dem folgenschweren Unglück führten;
Schon vor Beginn des Versuchs befahl der Reaktoroperator Toptunow,
Bremstäbe, die die atomare Kettenreaktion kontrollieren, zu entfernen, um die stark abgefallene
Reaktorleistung wieder anzuheben. Allerdings wurde dadurch die zulässige Minimalgrenze von 28
Bremstäben unterschritten. Das führte zu einem bedenklichen Sicherheistzustand des Reaktors.
Trotzdem wurde das Experiment gestartet.
Also wurden so viele Kühlpumpen zugeschaltet, wie nötig waren, um den mit
wenig Leistung arbeitenden Reaktor daran zu hindern, das ihn umfließende Wasser verdampfen zu
lassen. Obwohl das Wasser daraufhin aufzukochen begann, brach der stellvertretende Chefingenieur
Djatlow das Experiment nicht ab. Er ließ vielmehr durch das Abschalten des Stroms nochmals
weniger Kühlwasser durch den Reaktoren pumpen. Dadurch wurde das Wasser zwar heißer, erreichte
aber nur die Siedetemperatur, nicht die zum ausreichenden Kühlen des Reaktors nötige Temperatur,
die das Wasser zum Verdampfen bringt. Also begann die Reaktorleistung weiter anzusteigen.
Als der Schichtleiter Akimow den sprunghaften Leistungsanstieg bemerkte,
ließ er alle inaktiven Bremstäbe (etwa 200!) sofort einfahren. Die Graphitspitzen der Bremstäbe
beschleunigten die Kettenreaktion aber nur noch (anstatt sie zu stoppen). Hinzu kam die langsame
Einfahrgeschwindigkeit der Stäbe. So erhöhte sich die Leistung des Reaktors für einen Moment
sprungartig. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Katastrophe selbst durch das Einschalten des
Notkühlsystems und diverse andere Maßnahmen nicht mehr zu verhindern gewesen.
Um 1.23 Uhr wurde der Reaktor und alles, was ihn umgab von einer mächtigen
Knallgasexplosion zerrissen; Es war zu einer chemische Reaktion zwischen dem Zirkonium (das die
geborstenen Brennstoffkammern umhüllte) und dem Dampf gekommen. So entstand Wasserstoff und
Sauerstoff (Knallgas). Kurz darauf wurden durch glühende Teile die Teerdachpappendächer des
Maschinenhauses und des Blocks 3 entzündet.
Die Folgen
Direkt bei der Explosion wurden zwei Männer durch herabstürzenden Trümmer
getötet. In den folgenden Tagen und Wochen starben noch weitere 31 Menschen; Sie waren durch die
Lösch- und Rettungsarbeiten größtenteils lange Zeit ungeschützt der gewaltigen Strahlung
ausgesetzt. Diese Arbeiten dauerten relativ lange; Der Reaktorbrand war offiziell erst am 30. April
vollständig gelöscht, das wirkliche Datum dürfte noch einige Tage später zu finden sein.
Anschließend wurden auf dem Gelände des Kraftwerks "Liquidatoren" eingesetzt.
Das waren hauptsächlich Studenten, Soldaten und angebliche Freiwillige. Sie hatten die Aufgaben,
die Trümmer wegzuräumen, eventuelle weitere Gefahrenquellen unschädlich zu machen, das Kraftwerk
zu dekontaminieren und schließlich, den Sarkophag zu bauen, der bis heute den zerstörten Reaktor
umhüllt. Von diesen "Liquidatoren" wurden wahrscheinlich etwa 700000 eingesetzt. Genaue(re)
Zahlen sind nicht bekannt.
Die Einwohner der umliegenden Gemeinden wurden teilweise erst sehr spät
evakuiert. Da der Unfall offziziell ohnehin erst am Abend des 28. Aprils (nach Bekanntmachung
von Messungen erhöhter Radioaktivitätswerte in Schweden, Finnland und Norwegen) bekannt
gegeben wurde, wurden auch die in unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk lebenden Menschen erst sehr
sporadisch bzw. überhaupt nicht über den Unfall und eventuelle Schutzmaßnahmen informiert.
Erst am 21. Mai wurden die Einwohner Pripjats offiziell vollständig evakuiert. Erst nach und
nach wurden auch alle anderen Personen aus der festgelegten 30-Kilometer-Sicherheitszone
umgesiedelt. Am Ende waren es etwa 135000 Menschen.
Nicht unwesentliche Teile der freigesetzten Radioaktivität blieben lange in
der Atmosphäre. Sie erreicht als "radioaktive Wolke" auch Westeuropa und wurde mit natürlichem
Regen in den Boden eingebracht. In Deutschland war davon vor allem Bayern betroffen.
Von den damals eingesetzen "Freiwilligen" sind viele inzwischen an Spätfolgen
der Verstrahlung gestorben (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen,
Immunschwäche-Krankheiten). Wie viele Menschen bis heute tatsälich an den Folgen des Unglücks
gestorben sind, lässt sich kaum sagen. Man spricht inzwischen selbst in russischen Regierungskreisen von
55000 Toten allein bei den Lösch- und Räumtruppen. Andere Quellen gehen von inzwischen bis zu
250000 Todesopfern aus. Auch sterben noch heute, vor allem in Weißrussland und der Ukraine, viele
Unbeteiligte an den Folgeschäden Tschernobyls. So ist die Krebs- und Kindersterblichkeit in den
genannten Gebieten stark angestiegen.
In den nicht betroffenen Blöcke des Kernkraftwerks Tschernobyl wurde schon
kurz nach dem Unglück der Betrieb wieder aufgenommen. Block 2 wurde 1991, Block 1 1996 und Block 3
erst 2000 endgültig stillgelegt.
Da der zum Schutz vor weiterem Austreten von Radioaktivität um Block 4
gelegte Sarkophag immer mehr Risse aufweist, wurde im Dezember 2000 ein rund 1,5 Milliarden $
teures Sanierungsprogramm für den Sarkophag beschlossen.
Quellen:
www.spiegel.de/sptv/special/0,1518,106021,00.html
archiv.greenpeace.de/GP_DOK_3P/CHRONIK/C02CH03.HTM
www.wikipedia.org
www.benoroe.de/schernobyl/tsch_02.htm
www.reyl.de/tschernobyl/
www.risikofaktormensch.ch/sites/atomarehopplas/atomare_hopplaliste.php?hopplalist=5